Nackte Frau mit Vogel und Flötenspieler
Pablo Picasso
9. September 1967
1961 übersiedelt Picasso mit seiner letzten Lebensgefährtin Jacqueline Roque nach Mougins, wo er sich immer mehr zurückzieht. Sein Kampf gegen das Altern, seine Ängste und erotischen Fantasien prägen das expressive Spätwerk. Das Malen gegen den Tod wird zur Obsession. Picassos eruptive Bilder der letzten Jahre werden zu Vorläufern einer neuen figurativen Malerei.
In dieser späten Schaffensphase malt Picasso häufig bukolisch-arkadische Szenen. Oft findet sich ein Flöte spielender Mann, der um eine Frau wirbt – ein Thema, das sich schon in der venezianischen Renaissancemalerei, bei Giorgione und Tizian, großer Beliebtheit erfreute. Der bukolische Grundton weist auf den mediterranen Umkreis, auf den Schäferroman, auf Daphnis und Chloe hin, kann aber darüber hinaus die deutliche erotische Anspielung nicht verleugnen, die im Motiv der Taube als Symbol für sexuelle Lust zum Ausdruck kommt.
After Picasso had moved to Mougins together with his last companion Jacqueline Roque in 1961, he increasingly withdrew into himself. His expressive late work is informed by his battle against old age, his fears and erotic fantasies. Painting against death became his obsession. Picasso’s eruptive pictures of his last years are precursors of a new figurative form of painting.
In this late period of production, Picasso frequently painted bucolic or Arcadian scenes. One often encounters a flutist courting a woman in them—a theme that had already been highly popular in Venetian Renaissance painting, such as in the art of Giorgione and Titian. The present picture’s bucolic note can be associated with the Mediterranean, the pastoral novel, and Daphnis and Chloe, but also contains a distinct erotic allusion, which is expressed by the motif of the dove as a symbol of sexual lust.
Rahmenaußenmaß: 151,5 × 183,5 × 7 cm
Als habe der alte Picasso in seinen Bildern eine längst verschwundene mythische Welt heraufbeschwören wollen, malte er gegen Ende seines Lebens immer wieder bukolische Szenen. Oft tritt darauf ein Flöte spielender Faun auf, dem Tiere des Feldes gebannt zuhören. Ein Flöte spielender junger Faun ist auch auf dem vorliegenden Großformat dargestellt; als Zuhörer treten hier jedoch eine im Gras liegende nackte Frau und eine Taube auf. Beide Figuren sind so lebendig dargestellt, dass man den Eindruck gewinnt, sie bewegten sich. Die junge Frau dreht ihren Kopf impulsiv dem Musikanten zu, während dieser mit den Füßen energisch den Takt zu schlagen scheint. Einem Taktstock gleich hat Picasso hier auch den Pinsel geführt. Die malerische Faktur ist äußerst dynamisch, und obschon die Pigmente sehr pastos aufgetragen sind, wirkt das Gemälde schwerelos wie ein flüchtiges Traumbild. Im Übertragenen Sinn darf man im Motiv des Flöte spielenden Fauns sicher ein Sinnbild des Künstlers an sich und damit auch so etwas wie ein verstecktes Selbstbildnis erkennen. Was Picasso hier unter dem Deckmantel einer antiken Fabel erzählt, ist letztlich die Weiterentwicklung einer weit zurückreichenden Motivreihe, die in immer neuen Variationen die Beziehung zwischen Künstler und Modell reflektiert.1
1 Vgl. Klaus Gallwitz, Picasso, The Heroic Years, New York 1985, S. 176
zitiert aus: R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 324, Nr. 176.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/en/objects/305533/nackte-frau-mit-vogel-und-flotenspielerImage Request