Anselm Kiefer, Espenbaum - für Paul Celan, Inv. Nr.: GE160DL
Espenbaum - für Paul Celan
Anselm Kiefer, Espenbaum - für Paul Celan, Inv. Nr.: GE160DL
Credit: ALBERTINA, Wien - Sammlung Batliner Copyright: © Anselm Kiefer

Espenbaum - für Paul Celan

Anselm Kiefer

2005




Künstler:in (Deutschland, geboren 1945)
Date2005
Object TypeGemälde
Object typePainting
Materials / TechniquesÖl auf Leinwand
Dimensions190 x 280 cm
Rahmenaußenmaß: 190,5 x 281 cm
CreditALBERTINA, Wien - Sammlung Batliner
Object numberGE160DL
Text

Wie der Titel andeutet, muss dieses große Bild etwas mit dem aus Rumänien stammenden deutschsprachigen Lyriker Paul Celan (1920-1970) zu tun haben. Forscht man nach, entdeckt man tatsächlich, dass es von ihm ein 1945 in  Bukarest entstandenes Gedicht mit dem Titel Espenbaum gibt, das er 1952-53 in die Gedichtsammlung Mohn und Gedächtnis aufnahm.[1] In Kiefers Bild wird auf dieses Gedicht direkt Bezug genommen. Am oberen Bildrand erscheint, mit weißer Kreide auf den schiefergrauen Himmelsstreifen geschrieben, die erste der fünf zweizeiligen Strophen des Gedichts, die folgendermassen lautet: „Espenbaum, dein Laub blickt weiß ins Dunkel. / Meiner Mutter Haar wird nimmer weiß.“ Allerdings hat Kiefer die zweite Zeile nachträglich verwischt und sie damit fast unleserlich gemacht  - vielleicht, um zum Ausdruck zu bringen, wie schwierig es ist, einen Text dieses großen Dichters zu verstehen und zu deuten.

Was Celan mit dem Gedicht Espenbaum ausdrücken wollte, kann in der Tat ohne Beizug der Spezialliteratur kaum erraten werden. Sofort verständlich ist eigentlich nur die Beschreibung des im Titel angesprochenen Baumes. Die Espe oder Zitterpappel besitzt Blätter, die oben silbrig glänzend, unten dagegen schwärzlich matt sind, so dass ihr Laub, wie der Dichter sagt, „weiß ins Dunkel blickt“. Der Baum wird vom Dichter in Beziehung gesetzt zu seiner Mutter, deren Haar „nimmer weiss“ werden könne. Dies kann nur so verstanden werden, dass die Frau früh das Leben verlor. In der Tat weiss man, dass Celans Mutter Friederike Antschel wenige Jahre, bevor das Gedicht entstand, im deutschen Konzentrationslager Michailowka bei Gaissin in der Ukraine ermordet wurde. Auf welche Art dies geschah, deutet im Gedicht der Ausdruck „wund von Blei“ an: Sie wurde erschossen. Weshalb, umschreibt der Dichter schließlich mit dem Ausdruck „runder Stern“. Rundstern war während dem Zweiten Weltkrieg ein gängiger Begriff für den Judenstern.

Celans schwer verständliche dichterische Metaphern versucht Kiefer so in sein Bild zu übertragen, dass er gewisse Gegenstände, die im Gedicht erwähnt werden, ganz einfach in das Bild einbezieht. In seiner üppigen Assemblage finden sich nicht nur echtes Haar und auf Schnüre aufgereihte Bleikugeln, sondern auch eine Vielzahl roher Aststücke. Letztere sollen wohl nicht so sehr an den im Gedicht  beschworenen Espenbaum erinnern als vielmehr – im Einklang mit dem weiss-braunen Grund – den Eindruck erwecken, als habe man ein riesiges verschneites Gräberfeld vor sich.

Mit dem düsteren Bild leistet Anselm Kiefer auf eindrückliche Art Trauerarbeit. Wie er dies schon so oft getan hat, wird anhand eines individuellen Schicksals ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte aufgearbeitet.

[1] Zu diesem Gedicht vgl. Paul Celan, Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe, hg. von Barbara Wiedemann, Frankfurt a.M. 2003, S. 30 und S. 593-597.

R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.), R. & H. Batliner Art Foundation. Neuerwerbungen 2005-2011 (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2012), Vaduz 2012, S. 142, Kat. 42.

Catalogue raisonné
  • Koella 2012, 42
  • Bibliography
  • Andrea Lauterwein, Anselm Kiefer et la poésie de Paul Celan, Paris 2006, Abb. S. 214
  • Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Rainer Metzger (Bearb.), Meisterwerke der Moderne aus der Albertina, Wien 2009, Abb. S. 270-271
  • R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.), R. & H. Batliner Art Foundation. Neuerwerbungen 2005-2011 (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2012), Vaduz 2012, S. 142 f., Kat. 42, Abb. S. 143
  • Ausstellungen (laut Koella): Anselm Kiefer: Für Paul Celan, Galerie Thaddaeus Ropac, Salzburg, 2005, S. 70-71, Abb.
  • AK: Kunst nach 1970 in der Albertina, hrsg. von Klaus Albrecht Schröder, Wolkersdorf: Holzhausen Druck 2007, Abb.50 S.92-93
  • Online resources
    zum Werk

    IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/en/objects/305821/espenbaum--fur-paul-celanImage Request
    Last edited22.04.2021

    Anselm Kiefer, Für Paul Celan, Inv. Nr.: EDLDB5336
    Anselm Kiefer
    2005
    Anselm Kiefer, Für Paul Celan, Inv. Nr.: EDLDB5278/1
    Anselm Kiefer
    2004
    Anselm Kiefer, A.E.I.O.U., Inv. Nr.: GE391DL
    Anselm Kiefer
    2011
    Anselm Kiefer, Horologium, Inv. Nr.: EDLSB4896/1
    Anselm Kiefer
    2003
    Anselm Kiefer, Wurzel Jesse, Inv. Nr.: GE325DL
    Anselm Kiefer
    2008
    Anselm Kiefer, Merkaba, Inv. Nr.: GE177DL
    Anselm Kiefer
    2006
    Anselm Kiefer, San Loretto, Inv. Nr.: GE381DL
    Anselm Kiefer
    2008
    Anselm Kiefer, Claudia Quinta, Inv. Nr.: EDLDB5446
    Anselm Kiefer
    2005
    Anselm Kiefer, Woglinde, Inv. Nr.: DG2016/30
    Anselm Kiefer
    1982-2013
    Anselm Kiefer, Der Rhein, Inv. Nr.: DG2000/57
    Anselm Kiefer
    1993