Espenbaum - für Paul Celan
Anselm Kiefer
2005
Rahmenaußenmaß: 190,5 x 281 cm
Wie der Titel andeutet, muss dieses große Bild etwas mit dem aus Rumänien stammenden deutschsprachigen Lyriker Paul Celan (1920-1970) zu tun haben. Forscht man nach, entdeckt man tatsächlich, dass es von ihm ein 1945 in Bukarest entstandenes Gedicht mit dem Titel Espenbaum gibt, das er 1952-53 in die Gedichtsammlung Mohn und Gedächtnis aufnahm.[1] In Kiefers Bild wird auf dieses Gedicht direkt Bezug genommen. Am oberen Bildrand erscheint, mit weißer Kreide auf den schiefergrauen Himmelsstreifen geschrieben, die erste der fünf zweizeiligen Strophen des Gedichts, die folgendermassen lautet: „Espenbaum, dein Laub blickt weiß ins Dunkel. / Meiner Mutter Haar wird nimmer weiß.“ Allerdings hat Kiefer die zweite Zeile nachträglich verwischt und sie damit fast unleserlich gemacht - vielleicht, um zum Ausdruck zu bringen, wie schwierig es ist, einen Text dieses großen Dichters zu verstehen und zu deuten.
Was Celan mit dem Gedicht Espenbaum ausdrücken wollte, kann in der Tat ohne Beizug der Spezialliteratur kaum erraten werden. Sofort verständlich ist eigentlich nur die Beschreibung des im Titel angesprochenen Baumes. Die Espe oder Zitterpappel besitzt Blätter, die oben silbrig glänzend, unten dagegen schwärzlich matt sind, so dass ihr Laub, wie der Dichter sagt, „weiß ins Dunkel blickt“. Der Baum wird vom Dichter in Beziehung gesetzt zu seiner Mutter, deren Haar „nimmer weiss“ werden könne. Dies kann nur so verstanden werden, dass die Frau früh das Leben verlor. In der Tat weiss man, dass Celans Mutter Friederike Antschel wenige Jahre, bevor das Gedicht entstand, im deutschen Konzentrationslager Michailowka bei Gaissin in der Ukraine ermordet wurde. Auf welche Art dies geschah, deutet im Gedicht der Ausdruck „wund von Blei“ an: Sie wurde erschossen. Weshalb, umschreibt der Dichter schließlich mit dem Ausdruck „runder Stern“. Rundstern war während dem Zweiten Weltkrieg ein gängiger Begriff für den Judenstern.
Celans schwer verständliche dichterische Metaphern versucht Kiefer so in sein Bild zu übertragen, dass er gewisse Gegenstände, die im Gedicht erwähnt werden, ganz einfach in das Bild einbezieht. In seiner üppigen Assemblage finden sich nicht nur echtes Haar und auf Schnüre aufgereihte Bleikugeln, sondern auch eine Vielzahl roher Aststücke. Letztere sollen wohl nicht so sehr an den im Gedicht beschworenen Espenbaum erinnern als vielmehr – im Einklang mit dem weiss-braunen Grund – den Eindruck erwecken, als habe man ein riesiges verschneites Gräberfeld vor sich.
Mit dem düsteren Bild leistet Anselm Kiefer auf eindrückliche Art Trauerarbeit. Wie er dies schon so oft getan hat, wird anhand eines individuellen Schicksals ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte aufgearbeitet.
[1] Zu diesem Gedicht vgl. Paul Celan, Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe, hg. von Barbara Wiedemann, Frankfurt a.M. 2003, S. 30 und S. 593-597.
R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf
Koella (Konzept und Red.), R. & H. Batliner Art Foundation. Neuerwerbungen
2005-2011 (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz
2012), Vaduz 2012, S. 142, Kat. 42.
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