Anselm Kiefer, A.E.I.O.U., Inv. Nr.: GE391DL
A.E.I.O.U.
Anselm Kiefer, A.E.I.O.U., Inv. Nr.: GE391DL
Credit: ALBERTINA, Wien - Sammlung Batliner Image: ALBERTINA, Wien Copyright: © Anselm Kiefer

A.E.I.O.U.

Anselm Kiefer

2011




Das Gemälde A.E.I.O.U. ist Teil einer Werkgruppe, die unter dem Titel „Alkahest“ entstanden ist. Der Titel nimmt auf alchemistische Verfahren Bezug, deren Ziel die Verwandlung unedler Metalle wie Blei in Gold ist. Innerhalb dieser komplexen Prozesse spielt „Alkahest“ als hypothetisches Universallösungsmittel, das jeden Stoff, einschließlich Gold, auflösen kann, eine wesentliche Rolle. Die permanente Metamorphose der Welt und ihrer Elemente ist ein zentrales Thema bei Anselm Kiefer. Dabei setzen Feuer, Wasser, Luft und Erde wesentliche Impulse der Verwandlung. In diesem Gemälde erodiert das Gebirge als zentrales Bildmotiv durch Wasser und Wind zu Sand, der sich dann im Meer und im Wind zerstreut und auflöst. Die stete Veränderung der Dinge ist bei Kiefer auch Symbol für eine innere Wandlung, und das vulkanische Aufbrechen zerklüfteter Erdschichten steht für die Lösung aus erstarrten Verhältnissen. Auch das Thema der Grenze spielt für Anselm Kiefer eine bedeutende Rolle, sieht er doch Grenzen als ewig unstete Fiktionen. Die Horizontlinie verändert sich unentwegt durch die sich wandelnde Form des Berges. Eine Säge aus Blei, der Ausgangsstoff der Alchemisten auf dem Weg zur Verwandlung in Gold und selbst korrodierend, zerschneidet den Berg, teilt ihn und schafft zunächst eine Grenze, eine Trennlinie. Auch sie wird nicht lange bleiben, denn der Schnitt wird im Laufe der Zeit unscharf, verschwimmt, verändert sich und verschwindet langsam.

 

Die Buchstabenfolge A.E.I.O.U. bezieht sich laut Kiefer zum einen auf das alte Haus Habsburg, die Europa-Utopie und die von Kaiser Friedrich III. verwendete Chiffre für den Imperialismus Österreichs: Austria erit in orbe ultima (Österreich wird ewig bestehen). Damit spielt Kiefer auf historischer Ebene auch wieder auf die Vergänglichkeit und Willkür von Grenzen an. AEIOU kann aber auch als Name Gottes in der Kabbala gelesen werden; letztlich sind über 300 Interpretationen für die alphabetisch angeordneten Vokale bekannt. In der hebräischen Mythologie sind die Buchstaben heilig, demzufolge ergeben sie, wie auch immer kombiniert, einen Sinn, der sich, meint Kiefer, oftmals erst in der Zukunft enthüllen wird.



 Anselm Kiefer’s A.E.I.O.U. is part of a series titled “Alkahest,” which references fundamental subjects of alchemy. The central mountain range motif suggests a place of transfer and the dissolution of matter, in which the interplay between water and stone features prominently. The alchemistic transformation of substances always also marks an inner change in this context. The word “alkahest” describes a solvent that has the power to dissolve every other substance. The volcanic eruption of eroded strata and ossified conditions as well as the transformation of matter as a reflection of alchemistic processes are recurring subjects in Kiefer’s production. Friedrich Hölderlin’s and Johann Wolfgang von Goethe’s poems, Martin Heidegger’s philosophy, and stories from the Old Testament and Norse mythology provide the foundation for this complex of works. The sequence of letters, A.E.I.O.U., not only refers to a cabalistic formula but evokes the much later encryption of Austria’s imperialism by the Habsburg emperor Frederick III.



Künstler:in (Deutschland, geboren 1945)
Date2011
Object TypeGemälde
Object typePainting
Materials / TechniquesÖl, Emulsion, Acryl, Schellack, Kreide, Blei auf Leinwand
Dimensions190 × 380 × 16 cm
CreditALBERTINA, Wien - Sammlung Batliner
Object numberGE391DL
Text

Das großformatige Bild gehört zu dem umfangreichen Werkblock aus neuester Zeit, den Anselm Kiefer "Alkahest" nannte. Wie so oft bei diesem Künstler ist auch der Begriff "Alkahest" dem Vokabular der Alchemisten entnommen. Er bezeichnet ein sagenhaftes Lösungsmittel, das nach Auffassung der Alchemisten jede irdische Substanz aufzulösen vermag, selbst Gold. Nun spielt ja der Prozess der Auflösung bei Kiefer eine sehr wichtige Rolle. Wie man weiß, legt er seine Bilder nach ihrer Fertigstellung gerne auf den Atelierboden und schüttet Wasser darüber, oder er setzt sie im Freien dem Regen aus. Kiefer macht also mit seinen Bildern letztlich das Gleiche, was das Wasser in der Natur macht, wo es ganze Berge zu Sand und Schlamm zermalmt und zum Meer spült.

Kein Wunder, dass auf allen zu diesem Werkblock gehörenden Bildern große, schneebedeckte Gebirge erscheinen. Oft tragen sie Titel wie Dissolutio oder Purificatio, beziehen sich also ganz direkt auf den elementaren Vorgang der Auflösung, der ja immer auch eine reinigende Wirkung hat. Merkwürdig ist nur, dass vor diesen Gebirgen immer ein seltsamer Gebrauchsgegenstand aus Metall schwebt. Im vorliegenden Fall ist es ein langes Sägemesser, in das der Künstler die Buchstabenfolge A. E, I. O. U. einritzte. Letzteres ist die mystische Devise der ersten Habsburger Kaiser; die Inschrift könnte also ein Hinweis darauf sein, dass es sich bei diesen mächtigen Gebirgen um die österreichischen Alpen handelt.


vgl. R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.), R. & H. Batliner Art Foundation. Neuerwerbungen 2005-2011 (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2012), Vaduz 2012, S. 144, Kat. 46.

Catalogue raisonné
  • Koella 2012, 46
  • Bibliography
  • R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.), R. & H. Batliner Art Foundation. Neuerwerbungen 2005-2011 (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2012), Vaduz 2012, S. 144, Kat. 46, Abb. S. 146-147
  • Ausstellungen (laut Koella): Anselm Kiefer, Alkahest, Galerie Thaddaeus Ropac, Salzburg, 2011, Kat. S. 28-31, Abb.
  • Online resources
    zum Werk

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