Merkaba
Anselm Kiefer
2006
Der Zyklus „Merkaba“ von Anselm Kiefer bezieht sich auf die kabbalistische Mystik und ihre Auseinandersetzung mit dem Leben nach dem Tod. Die Merkaba-Literatur befasst sich speziell mit dem Aufstieg durch die sieben himmlischen Paläste bis zum Thron Gottes. Auf diesem gefahrenreichen Einweihungsweg müssen Prüfungen bestanden und Schwierigkeiten überwunden werden.
Die Worte MERKABA und DAAD erscheinen wie Menetekel auf dem Gemälde. Die Merkaba – das hebräische Wort für Wagen – ist der Thronwagen Gottes in der Vision des Ezechiel, eines Schriftpropheten aus der Zeit des babylonischen Exils im 6. Jahrhundert v. Chr. Dieses Gefährt dient der Reise durch die sieben himmlischen Paläste. Der Thronwagen in Kiefers Gemälde ist ein auf den Meeresgrund gesunkenes U-Boot, eine Parabel des menschlichen Schicksals, die die Frage nach dem Woher und Wohin unserer irdischen Existenz stellt. DAAD ist der Zustand des inneren Wissens, der Erkenntnis, worin alle göttlichen zehn Emanationen des kabbalistischen Lebensbaums mystisch vereint sind. Die netzartigen Gebilde um das U-Boot sind kabbalistische Lebensbäume, die teilweise mit einigen Namen der zehn Emanationen beschriftet sind: Kether, Chockmah, Bina, Chessed, Gebirah, Netzach, Hod und Malkuth. Diese Emanationen verkörpern in der Kabbala symbolisch den „himmlischen Menschen“.
Seit Ende der achtziger Jahre beschäftigt sich Anselm Kiefer mit dem Talmud und der Kabala, den wichtigsten Quellenschriften der altjüdischen Mystik. Davon zeugt auch das vorliegende Bild, das sich schon im Titel klar auf diese uralten Quellen bezieht. Unter dem hebräischen Wort Merkabah ist der göttliche Thronwagen zu verstehen, der, gezogen von vier vierflügligen Cherubinen, von einem Himmelspalast zum andern unterwegs ist. Bei Kiefer hat dieses Gefährt allerdings die Form eines aus Bleiblech gefertigten Schiffes, das mit rostigen Eisendrähten am braun-grauen, krustigen Untergrund befestigt ist. Darum herum hängen an Stoffbändern reusenartige Gebilde, und in der oberen Bildhälfte leuchtet wie ein Menetekel das Wort MERKABA auf, umringt von anderen, meist unverständlichen oder unleserlichen Wörtern.
Was in der Vision der jüdischen Mystiker den Glanz einer göttlichen Erscheinung hat, ist bei Kiefer merkwürdigerweise in sein Gegenteil verkehrt. Das Schiff scheint führerlos in einem trüben Sumpf festzustecken, und der Himmel lastet so schwer und unheilschwanger über dem Wasser, als kündige er den Weltuntergang an. Schiffe als Bildmotiv treten bei Kiefer immer wieder auf. Wie sie dies gelegentlich schon in der Kunst der Vergangenheit getan haben, dienen sie dem Künstler als Parabeln des menschlichen Schicksals; sie stellen die uralte Frage nach dem Woher und Wohin unserer irdischen Existenz. Darauf weisen auf Kiefers Bild sowohl die Motivwelt als auch gewisse formale Kriterien hin. Es gibt in unserer Zeit wohl kaum einen zweiten Künstler, der es versteht, der Materie so viel Bedeutungsschwere zu verleihen. Indem Kiefer die konventionellen Malmaterialien wie Öl oder Acryl mit Gips, Sand und anderen Füllstoffen anreichert, verleiht er ihnen Schwere und Körperlichkeit, und weil er darauf Dinge aus völlig kunstfremden Materialien wie Stroh und Holz, Stoff und Haar verwendet, erfahren die Bilder trotz ihrer Realitätsnähe eine irritierende Verrätselung und Verfremdung.
Vier Jahre vor diesem beeindruckenden Großformat schuf Kiefer eine etwas kleinere Version des gleichen Bildmotivs.[1] Weitere Bilder zum Thema „Merkaba“ gibt es in der Entstehungszeit des vorliegenden Werks noch eine ganze Reihe.[2]
R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.), R. & H. Batliner Art Foundation. Neuerwerbungen 2005-2011 (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2012), Vaduz 2012, S. 144, Kat. 43.
