Der Cellospieler
Egon Schiele
1910
Das Bildnis des so genannten Cello-Spielers thematisiert die Anwesenheit des Abwesenden: Sitzmotiv und Gestik geben zwar deutlich Auskunft über ein das Bildmotiv bestimmendes Cello, doch hat Schiele das Instrument im Aquarell einfach weggelassen hat. Der gesamte Körper des Cellisten ist vom Hemd über das Sakko bis zur Hose zu einem einzigen Farbblock verschmolzen. Er reicht vom kalten Blau der Brust bis zum heißen Rot des Unterkörpers. Die Haltung der knochigen Finger zwingt uns, ihnen die nicht sichtbaren Utensilien des Musikers zuzuordnen: Den Cello-Bogen bzw. den Saitensteg jenes Instrumentes, das zwischen den gespreizten Beinen als anwesend-abwesendes Ding gehalten wird: eine zutiefst inszenierte Komposition.
Das Porträt des sogenannten Cellospielers ist ein instruktives Beispiel für die den Betrachter verunsichernde Anwesenheit des Abwesenden. Der einheitliche Farbblock aus Hose, Rock und Hemd ist die in einem warmen Rot über Grün ins kalte Blau fließende Folie für ein Instrument, dessen Existenz wir nur durch die Haltung der Hände - mit dem Bogen in der rechten Hand und dem Griff am Steg des Instruments - und durch die gespreizten Beine, die das Cello fixieren, empfinden können. Der Blick des Musikers - der Künstler hat ihn noch in einer zweiten, nicht kolorierten Porträtzeichnung verewigt - gilt dem Notenblatt vor ihm: daher rührt seine Konzentration. Dieses verinnerlichte Musikerbildnis der Albertina zählt zu den schönsten frühen Porträtzeichnungen Schieles. Bezeichnend, dass sich Schiele entgegen den auch im Wien der Jahrhundertwende kodifizierten Gattungsgesetzen des Porträts auf keinen konventionellen Porträt-Typus festlegt. Selbst #Kokoschkas Porträts weisen eine viel geringere Mannigfaltigkeit auf als die Egon Schieles.
Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 80-82.
