Das Meer bei Dieppe
Eugène Delacroix
1854 (?)
Delacroix, Haupt der romantischen Schule in Frankreich und Gegenpol der rational-klassischen Richtung #Ingres', vertrat eine optisch-sinnliche Kunstauffassung, die dem freien Kolorismus eines #Rubens gegenüber einer strengen reinen Linienkunst den Vorzug gab. Die Bekanntschaft mit dem englischen Aquarellmaler #Thales Fielding führte bei Delacroix zu einem verstärkten Interesse für die Aquarelltechnik, die - im Unterschied zu Frankreich - in England seit dem 18. Jahrhundert von #Gainsborough bis zu #Turner und #Bonington eine große Tradition hatte. Intensiviert wurde Delacroix' Beschäftigung mit diesem Medium noch durch seine Reise nach England 1825, wo er auch mit Bonington gemeinsam gearbeitet hat.
Delacroix beschäftigt in dem vorliegenden Aquarell die bildhafte Umsetzung von Naturerscheinungen wie die Spiegelung des Abendhimmels auf den Wellen und ihre oszillierenden Lichtreflexe. Die optischen Reize, die aus der Bewegung des Wassers und der Luftspiegelung resultieren, bringt er durch nuancierten Farbauftrag und Miteinbeziehung des hellen Grundes wirkungsvoll zur Geltung. Darüber hinaus beschreibt er seine Wahrnehmung zusätzlich mit den anschaulichen Worten: "sur la pointe des vagues verticalement sous le soleil, paillettes lumineuses dans un espace très circonscrit" ("auf dem Kamm der Wellen senkrecht unter der Sonne, leuchtender Flitter in sehr begrenztem Raum"). Das Blatt gehört zu einer Reihe von Darstellungen, in denen Delacroix von einem ganz ähnlichen Blickpunkt aus Meer und Himmel festhält, um die Wechselwirkung von Wasser und Licht, das Zustandekommen von Reflexen und ihr äußeres Erscheinungsbild als Phänomen zu studieren. Diese Naturstudien, von denen sich ein kleines Ölbild im Louvre (https://collections.louvre.fr/en/ark:/53355/cl010066848§) und drei Aquarelle in Privatbesitz befinden (AK Paris/Philadelphia 1998/99, Nr. 53, 54, 56, 57), geben das Meer bei Dieppe wieder, wo sich Delacroix zwischen 1851 und 1860 des Öfteren aufgehalten hat. Das Aquarell der Albertina sowie die drei Blätter aus Privatbesitz zeigen offensichtlich das gleiche Motiv, sind auch in Technik und Stil nahe verwandt und stammen sehr wahrscheinlich von Delacroix' drittem Besuch in diesem Küstenort vom 17. August bis 26. September 1854. Diese Erkenntnis resultiert aus der engen Verbindung zu dem August/September 1854 datierten Skizzenbuch mit Ansichten aus Dieppe im Amsterdamer Rijksprentenkabinet (Carnet de Dieppe, Inv. RP/T/1968/85). Eine darin enthaltene Bleistiftskizze (Bl. 24 verso und 25 recto) dürfte der Albertina-Zeichnung als Anregung vorangegangen sein und kann als wichtigstes Indiz für die Lokalisierung und Datierung in die Zeit dieses Aufenthaltes angesehen werden.
Die Zeichnung zeigt Meer und Wellen aus nahezu gleichem Blickwinkel, ergänzt um etliche handschriftliche Farbanmerkungen Delacroix', die der Farbpalette des Aquarells annähernd entsprechen.
Christine Ekelhart, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 182.
